Presseauszüge
Tonfiguren kneten gegen Autofahrer-Stress
Autorin: Anne-Kathrin Peitz (08.09.1999) Sonderbeilage
Fahrschule versucht Schülern friedlicheres und umweltbewussteres Fahren beizubringen
„Danke, dass Sie langsam fahren", sagt Karin Koch und
überreicht einem verdutzten Autofahrer eine gelbe Rose. Die 35-jährige Frau
steht in der verkehrsberuhigten Dieffenbachstraße in Kreuzberg und belohnt
Verkehrsteilnehmer, die sich an die Schrittgeschwindigkeit halten. „Aber fast
alle fahren zu schnell", sagt sie. Die „Dankeschön-Aktion" ist Teil
ihrer Führerscheinausbildung bei der Fahrschule "Verkehr human".
Anfänger sollen bei der Fahrschule "rücksichtsvoll und
defensiv" fahren lernen, sagt der Leiter der Schule, Lothar Taubert.
Gemeinsam mit dem Psychologen Michael Walk versucht der Fahrlehrer in seiner
seit zwei Jahren bestehenden Fahrschule nicht nur das Autofahren, sondern
insbesondere auch soziales Verhalten im Straßenverkehr zu vermitteln.
Für die Verkehrserziehung haben sich der Psychologe und der
Fahrlehrer ungewöhnliche Methoden ausgedacht: Zur Ausbildung gehört ein
Hörspaziergang, bei dem sich die Fahranfänger des Straßenlärms bewusst werden
sollen. Bei einem Blindenspaziergang, wo ein Schüler mit geschlossenen Augen von
einem zweiten geführt wird, geht es um Vertrauen und Verantwortung. Das
gemeinsame Kneten von Tonfiguren während des Theorieunterrichtes soll die
Schüler entspannen. "Wir wollen, dass die Schüler lernen, gelassen zu
fahren", erläutert der Fahrlehrer. "Sie sollen sich nicht vom
drängelnden Hintermann aus der Ruhe bringen lassen". Auch
"umweltschonendes Fahren" gehört zur Ausbildung. Beim Herannahen an
eine Ampel müssen die Schüler den Gang herausnehmen, um den natürlichen Schub
des Autos zu nutzen, bei jedem Stillstand wird der Motor ausgeschaltet.
Fahrschüler Dirk Borchardt sieht "Verkehr human" als
eine Art "Waldorf-Fahrschule". Es gehe nicht nur ums Autofahren,
sondern es stecke auch eine Lebensphilosophie dahinter, sagt er.
"Straßenverkehr ist gesellschaftliches Miteinander, und hier lernt man
Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen."
"Wir sind Idealisten und hoffen durch die Fahrausbildung
unsere Gesellschaft positiv zu verändern", bestätigt Psychologe Walk. Für
den Vorsitzenden des Fahrlehrerverbandes, Peter Glowalla, ist das Konzept der
Fahrschule eher unspektakulär. Umweltschonendes Fahren und Förderung des sozialen
Verhaltens seien seit Anfang des Jahres Teil der
Fahrschüler-Ausbildungsordnung, sagt er. "Die Fahrschulen werden in dieser
Beziehung immer kreativer". Acht der 650 Fahrschulen Berlins bieten zum
Beispiel für erfahrene Autofahrer einen eintägigen Kurs "Fahr und spar mit
Sicherheit" zu wirtschaftlichem und umweltbewusstem Fahren an. Eine
arbeitet mit einem Fahrsimulator, um energiesparendes und soziales Fahren zu
trainieren.








