Presseauszüge
Die etwas andere Fahrschule
Autor: clo (29. Dezember 1998)
Mit 40 Kilometern im fünften Gang
Der Rentner am
Straßenrand kann es nicht fassen. Gehen oder Stehen? Kein Zebrastreifen und
trotzdem hält der grüne Opel - und wartet. Verunsichert zuckelt der Mann
endlich los. Als er die Straße überquert hat, gibt Lothar Taubert das Signal
zum Weiterfahren. "Langsam, ganz langsam bitte." Denn die Kreuzberger
Schönleinstraße ist eine verkehrsberuhigte Zone, und das heißt Schritttempo
fahren. Taubert ist Fahrlehrer der Berliner Fahrschule "Verkehr
human". Sie gehört zur Akademie für Kommunikation, Mobilität und Umwelt,
einem Zusammenschluss von Pädagogen, Psychologen und Fahrlehrern, die sich auf
Verkehrserziehung und Fahrausbildung spezialisiert haben. Anfänger lernen hier
nicht nur wie man drei Pedale bedient, sondern wie man rücksichtsvoll, sicher
und vergleichsweise umweltschonend mit dem Auto unterwegs ist. Langsam fahren
ist schon ganz gut - aber nicht alles. "Wir wollen Gelassenheit am Steuer
vermitteln und die Fahrschüler dazu bringen, nicht dem Druck von hinten
nachzugeben", sagt Taubert.
Während er im
Schneckentempo durch die verkehrsberuhigte Zone schleicht, sammeln sich hinter
ihm schnell drei Autos. Zuerst hupt das Taxi zweimal. Dann verrenkt sich der
Beifahrer im Toyota den Kopf, um zu sehen, was für ein "Penner" da
vorne am Steuer sitzt. Zum Schluss fuchtelt der Golf-Fahrer wie wild mit seinen
Fingern in der Luft - normale Reaktionen, mit denen die Schüler zu leben lernen
müssen. "Rücksichtsvoll fahren, ist für viele eine Provokation. Das muss
aufhören", erklärt Michael Walk von "Verkehr human".
Den Motor ruhig mal abwürgen
Bei alten Hasen sei
meist Hopfen und Malz verloren, überhaupt glaubten Männer, sie seien Fahrer von
Gottes Gnaden, sagt der Verkehrswissenschaftler. Eher selten lässt sich jemand
herab und nimmt noch ein paar Fahrstunden, um üble Rowdyallüren abzustreifen:
Beispielsweise auf die grüne Ampel zubrettern, um es bei Dunkelgelb noch zu
schaffen; oder sich in verstopfte Kreuzungen reinquetschen. Auch der
Auffassung, das Tempolimit müsse ausgeschöpft werden, will die etwas andere Fahrschule
entgegenwirken. Dafür darf man den Motor ruhig mal abwürgen, ohne dass der
Fahrlehrer schimpft. Deshalb lernen hier auch Leute, die Angst vor dem Auto
haben.
Mit 31 Jahren hat
Manuela Janowski den Schritt gewagt: "Meine Freundinnen hatten in der
Fahrschule eine fürchterliche Zeit. Geradezu traumatisch", erklärt sie
sich ihre Fahrabstinenz. "Verkehr human" versprach das Gegenteil -
und bald wird Janowski mit dem Auto durch Berlin fahren.
Durchfallquote unter dem Durchschnitt
Langsamkeit und Gelassenheit sollen die Ausbildung prägen - aber läuft das
nicht auch auf viele Fahrstunden und dicke Rechnungen hinaus? "Nein, wir
liegen genau im Berliner Durchschnitt, bei 40 Fahrstunden, womit man auf 2500 bis
3000 Mark kommt", entgegnet Fahrlehrer Taubert. Die Durchfallquote liege
sogar deutlich unter den üblichen 40 Prozent. "Menschlich kommt man eben
weiter." In den Theoriestunden werden bei "Verkehr human" nicht
nur Regeln gepaukt und Fragebögen ausgefüllt - man knetet auch Ton, um ruhig zu
werden. Aber auch im Auto müssen die Schüler Fingerfertigkeiten entwickeln,
beim flinken Zündschlüssel drehen. In der Berliner Rush-hour heißt das: Motor
an-aus-an-aus. "Eine Minute Leerlauf verbraucht doppelt soviel Benzin wie
eine Minute ständigen Anlassens und Abschaltens", sagt Taubert.
Der Drehzahlmesser
seines Autos zeigt jetzt 1000 Umdrehungen pro Minute, im dritten Gang. Selten
wird die 2000er Marke überschritten. Fahren mit 40 Stundenkilometern im fünften
Gang? Klar doch. Der Bordcomputer zeigt Momentanverbrauche von 3,6 bis 6,8
Litern. Bei Überlandfahrten jagen die Schüler selten mehr als 4,5 Liter Diesel
durch die Spritpumpe. "Der Wagen verbraucht so 30 Prozent weniger",
freut sich Taubert und untermauert damit, dass es sich auch finanziell lohnt, die
Umwelt zu schonen.
Doch fahren Tauberts
Schüler, wenn sie den Führerschein dann haben, tatsächlich sparsamer,
besonnener und verantwortungsvoller? In Interviews nach der Ausbildung geben
viele zu, gern schnell zu fahren. "Aber sie tun das überlegter",
meint Walk. In jedem Fall würden aus den Schülern Beifahrer, die kritisch bei
der Sache sind. "Meinem Vater klopfe ich schon auf die Finger, wenn er im
dritten Gang mit Vollgas beschleunigt", bestätigt Fahrschüler Gwen
Poulichard. Der Vater finde das allerdings nicht so toll.








