Mensch und Verkehr

Im Spannungsfeld zwischen der individuellen Faszination des Autofahrens und den sozialen und ökologischen Belastungen durch den Straßenverkehr verpuffen allgemeine Appelle zum Verzicht. Am Auto führt derzeit kein Weg vorbei und die Fahrerlaubnis gehört in unserer mobilen Gesellschaft mittlerweile zur Standardqualifikation.

...jeder Mensch hat seinen eignen charakter, so ist es auch beim autofahren

Die weitreichenden Folgen des Autoverkehrs machen Fahrausbildung schon längst zu einer gesellschaftsrelevanten Bildungsaufgabe, deren Inhalte über Regelkenntnisse und Fahrzeugbedienung hinausgehen müssen und die eine interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordern.

c Der Mensch ist biologisch darauf ausgelegt zu Fuß zu gehen; seine Haut ist weich, eine Verständigung ist möglich, die Geschwindigkeit ist niedrig und die dazu notwendige Energie muss er selbst aufbringen.

Auch unsere psycho-physiologischen Verhaltensmuster sind dem Fußverkehr angemessen. Bei Behinderungen reagieren wir ärgerlich: wir rempeln, schieben und schimpfen; aber wir laufen uns nicht gegenseitig tot.

Beim Autofahren ist alles anders: harte Karosserie, Sprachlosigkeit und Anonymität, hohe Geschwindigkeit und mühelose Kraft wie ein Riese. Durch diese Bedingungen ist jede Autofahrt zwangsläufig eine unmittelbare Bedrohung für andere Verkehrsteilnehmer.

Emotionale Reaktionen befördern in Sekundenbruchteilen die Eskalation von Risiken, deren Bewältigung der Fahrer gerne seiner vorzüglichen Fahrzeugbeherrschung zuschreibt.
Dass er die Zuspitzung vieler Situationen schon im Vorfeld hätte vermeiden können, ist eher unspektakulär und wird daher leicht vergessen.
 
Wer in einen Unfall verwickelt ist, kann mit Anteilnahme rechnen. Wer jedoch den motorisierten Verkehrsfluss auf unseren Straßen behindert, dem schlägt allgemeine Verachtung entgegen. Selbst im verkehrsberuhigten Bereich kann sich kaum ein Autofahrer dazu durchringen, wirklich Schrittgeschwindigkeit zu fahren.
Der grundgesetzliche Vorrang menschlichen Lebens und körperlicher Unversehrtheit scheint auf der Straße zugunsten einer beschleunigten Auto-Mobilität außer Kraft gesetzt. Hier manifestiert sich eine problematische Deformation unserer Wertehierarchie mit unabsehbaren Ausstrahlungseffekten.
Es herrscht automobiler Bildungsnotstand in unserer mobilen Gesellschaft!
Wir wissen zu wenig über die Systembedingungen des Verkehrs.
Wir wissen zu wenig über unsere eigenen Verhaltenstendenzen und zu wenig darüber, wie wir uns als Autofahrer selbst steuern können.