Presseauszüge


Die etwas andere Fahrschule

Humanes Autofahren macht Schule

"Vielen Dank, dass Sie so langsam fahren", sagt Lothar Taubert und überreicht dem verdutzten Autofahrer eine gelbe Tulpe. Taubert ist Lehrer bei der Fahrschule "Verkehr human", die "Danke-Schön-Aktion" gehört zur Ausbildung. Nun sind seine Schüler dran: Sie halten das nächste Auto an, das langsam die verkehrsberuhigte Dieffenbachstraße (Kreuzberg) entlang fährt, und überreicht Blumen.

"Bei uns lernen Anfänger, dass langsames Fahren etwas Positives ist", erklärt Taubert das Konzept von "Verkehr human". Die 1997 gegründete Fahrschule vermittelt den Schülern auch, dass "es sich nicht lohnt, bei Dunkelgelb über die Ampel zu rasen, nur um schneller am Ziel zu sein", so Lothar Taubert.

Zur Ausbildung gehört zudem ein Hörspaziergang, auf dem sich die Fahranfänger den Verkehrslärm bewusst machen sollen. Darüber hinaus geht's auch um Technisches wie Reifenwechsel. Hauptaspekt aber ist das gelassene Autofahren. "Für viele bedeutet langsames, rücksichtsvolles Fahren die reine Provokation, das wollen wir ändern", sagt Psychologe Michael Walk, der das Ausbildungskonzept mitentwickelt hat. "Ungefähr 30 Prozent unserer Schüler lernen bei uns das Autofahren, weil ihnen unser ,humaner' Fahrstil gefällt", erläutert Walk.

So wie Anna Caudtova aus Wedding: "Ich habe Angst vor dem Autofahren und will hier stressfrei meinen Führerschein machen", sagt die 25-jährige. Auch Peter Glowalla vom Fahrlehrerverband Berlin lobt die Arbeit von "Verkehr human": "Das sind kreative Leute, die auf die Sorgen ihrer Schüler eingehen."

In der Kreuzberger Fahrschule wird auch umweltschonendes Fahren gelehrt. Taubert lässt seine 12 Schüler bei jedem Stillstand den Motor ausschalten. Umweltschonendes Fahren heißt auch, bei 40 km/h im fünften Gang zu fahren oder den Gang herauszunehmen, wenn in weiter Ferne eine grüne Ampel auftaucht. "So nutzt man den natürlichen Schub des Autos, muss nicht abrupt bremsen, wenn die Ampel auf Rot umspringt", erklärt Taubert.

Und die Autos, die hinter ihm an der Stoßstange kleben? "Die müssen mir und dem Schüler egal sein, es reicht, wenn wir die Verantwortung für unsere Fahrweise selbst tragen", verteidigt der Fahrlehrer energisch seine Philosophie. Nach durchschnittlich 40 Fahrstunden winken dann der Führerschein - und die Rechnung. Lothar Taubert: "Unsere Schüler zahlen nicht mehr als bei anderen Schulen, zwischen 2500 und 3000 Mark." Die Durchfallquote liege sogar unter den üblichen 40 Prozent. Nach sechs Monaten lädt Taubert die Führerscheinneulinge zum Erfahrungsaustausch ein: "Die meisten geben zu, dass sie jetzt schneller fahren. Aber zumindest haben sie gelernt, langsam fahren zu können".