Presseauszüge
Schrecklich!
Mit Schrittgeschwindigkeit schleicht der blaue Opel durch die Schönleinstraße.
Hinter uns staut sich bereits eine Kolonne, deren Lenker uns offenkundig für
Schnarchsäcke halten. Doch Fahrlehrer Lothar Taubert ist das Tempo immer noch
zu hoch. "Dies ist eine verkehrsberuhigte Zone", erklärt er
unerbittlich Fahrschülerin Friederike am Lenkrad. "Sie müssen lernen, dem
Druck von hinten standzuhalten!" Wir sind unterwegs mit der Berliner
Fahrschule "Verkehr human". Hier wird der "Verkehrsteilnehmer
zum Menschen", formuliert Psychologe Michael Walk es. Er hat sich mit dem
Sozialpädagogen Lothar Taubert zusammengetan und betreibt bereits zwei
Fahrschulen in Berlin auf "humane" Art.
Immer schön langsam
Autor: Peter Thomson (Nr. 11/99)
Eine ungewöhnliche Fahrschule lehrt in Berlin defensives Fahren
Humane Fahrschüler, so
erklären die beiden Macher die neue Lehre, "fahren niedrigtourig, also mit
weniger Lärm- und Schadstoffemissionen. Für irrationale Gewinne von wenigen
Metern oder Sekunden geben sie kein Gas. Sie können mit sich und ihrer Zeit so
umgehen, dass sie nicht in kopflose Hektik geraten. Sie wählen ihr Tempo gemäß
ihren Fähigkeiten und lassen sich von den herrschenden
Geschwindigkeitsgewohnheiten nicht unter Druck setzen". Das wird
kinderreichen Hausfrauen gefallen. Der grüne Verkehrsclub Deutschland VCD
vertritt seit Jahren die These, dass die Verkehrspolitik in dieser Republik
einseitig von autofahrenden Männern für autofahrende Männer gemacht wird - auf Kosten
von Kindern, Müttern und Radfahrern. Tattrige Fußgänger und Rollstuhlfahrer, so
klagt der VCD kommen in dieser Verkehrspolitik überhaupt nicht vor.
"Bis heute absolvieren
Autofahrer eine Fahrausbildung, in der vor allem Regelkenntnisse vermittelt und
das Mithalten im Verkehr trainiert werden", stimmt "Verkehr
human" in die grüne Klage ein. "In Kombination mit der Unerfahrenheit
von Fahranfängern begünstigt eine solche Minimalausbildung die widerstandslose
Übernahme verbreiteter Unsitten. Die gefährlichsten sind zu hohe
Geschwindigkeiten und zu geringe Sicherheitsabstände."
In den Fahrschulautos von Walk
und Taubert ist kein Platz für Hektik. Friederike hat das voll verinnerlicht.
Wenn sie auf eine grüne Ampel zurollt, geht sie sanft vom Gas und nimmt schon
hundert Meter vorher den Gang heraus. "Die springt doch gleich um",
kommentiert Lothar Taubert auf seinem Beifahrersitz mit den Doppelpedalen.
Während der roten Ampelphase lobt Taubert den Opel Vectra, der auch eine
Geschwindigkeit von zehn Kilometern anzeigt: "Bei den meisten Autos fängt
der Tachometer erst bei zwanzig Sachen an."
Nach dem Anfahren schaltet
Friederike sofort in den zweiten Gang. Sanft gibt sie Gas. Die Drehzahl
klettert nie über 2000 Umdrehungen, der Verbrauch laut eingebautem Bordcomputer
selten über fünf Liter. Und wenn Friederike mal ganz plötzlich beschleunigen
muss? Da würde sich nicht viel tun bei dieser lendenlahmen Drehzahl. Doch die
humanen Fahrlehrer kann so eine Frage nicht erschüttern. Mit hochgezogenen
Augenbrauen fragt Taubert zurück: "Muss man denn wirklich plötzlich
beschleunigen? Ist das nicht eine Frage der richtigen Einteilung im
Verkehr?" Ungerührt fordert er die Schülerin auf, bei 40 Sachen in den
fünften Gang zu wechseln.
Ein anderer Fahrschüler, der
junge Dominik, hat noch die ständigen Ratschläge des Fahrlehrers im Ohr:
"Niemand zwingt dich, die erlaubte Höchstgeschwindigkeit ständig
auszufahren - das habe ich in jeder Stunde mindestens zweimal gehört."








