Presseauszüge


Praktische Entziehungskur für Raser

Eine Fahrschule, die langsames Fahren lehrt
"Verkehr human" setzt auf Gelassenheit und Rücksicht

Lothar Tauberts bevorzugtes Psycho-Spiel heißt "Schritttempo im verkehrsberuhigten Bereich". Wenn sein Opel Vectra in die Kreuzberger Schönleinstraße einbiegt, beginnt für gelernte Raser ein Horrortrip am Lenkrad. Taubert lässt sie S-c-h-r-i-t-t-t-e-m-p-o fahren, bis das Getriebe glüht, und duldet keine Zweifel, dass er es ernst meint. Von hinten zweideutige Gesten, Beschimpfungen, Hupen - doch Taubert mahnt zur Gelassenheit. Resistenz zeigen gegen die allgemeine Geschwindigkeitssozialisation, nennt er das. Selbst Polizisten reagieren ungläubig auf jemanden, der die Vorschriften wortgetreu auslegt. Tauberts Auto wurde einmal von einer Streife angehalten, weil Langsamfahren verdächtig macht. Doch heute sitzt Daniel, der softig-schlacksige Filmstudent, neben Fahrlehrer Taubert und findet das Autoschleichen "im Prinzip relaxed". Von den Schulkindern, die einfach munter drauflos über die Straße laufen, wird er gar nicht bemerkt. Die Fahrschule "Verkehr human" in der Kreuzberger Fichtestraße will Stress, Aggression und Hektik im Verkehrsgeschehen durch die Tugenden Gelassenheit, Rücksicht und Verantwortung bändigen. In den Fahrstunden wird neben der Schilderwelt der Umgang mit Zeit und das Nachdenken über die sozialen und ökologischen Folgen des eigenen Verhaltens gelehrt.

"Wir müssen nicht das Auto beherrschen, sondern uns", sagt Taubert. Taubert kann sich richtig in Rage reden, wenn Reizwörter wie "sportlicher Fahrstil" oder "autogerechte Stadt" fallen. "Wir haben die Fußgänger zu Affen erzogen und den Lebensraum der Kinder weiträumig beschnitten." Dann ein Dementi: Er wolle das Auto keineswegs abschaffen und seinen Schülern nicht den Spaß am Fahren austreiben. Verkehr human ist aus einem Forschungsprojekt an der TU entstanden. Als das Geld ausblieb, wagten sich der Pädagoge Taubert und sein Kompagnon, der Verkehrspsychologe Michael Walk, vor anderthalb Jahren in die Praxis.

Nach einigen Durststrecken hat sich ihre Fahrschule mit angeschlossener Bildungsakademie im Haifischbecken der Branche etabliert. Viele Fahrschüler sind etwas älter und suchen sich ihre Ausbildungsstätte bewusst aus. Während Daniels Grundhaltung mit der kritischen Philosophie der Schule kompatibel ist, wähnen sich andere Schüler zunächst in einem soziologischen Institut und begehren auf. Gegangen sei aber noch niemand, sagt Taubert. Schließlich bietet Verkehr human auch unkonventionelle Begleiterfahrungen wie etwa einen "Hörspaziergang", um die künftigen Autofahrer auf die Lärmkulisse aufmerksam zu machen, die sie bald mitproduzieren werden.
An Tauberts rücksichtslos zurückhaltenden Fahrstil hat sich selbst Kollege Walk noch nicht vollends gewöhnt. Zur Ausbildung gehört Fahren bei 40 km/h im fünften Gang, in den Leerlauf schalten, wenn entfernt eine grüne Ampel auftaucht (damit man nicht bei Rot auf die energievernichtende Bremse treten muss), Auto ausschalten bei jeder günstigen Gelegenheit und doppelten Sicherheitsabstand einhalten. 30 Prozent Sprit könnten allein durch Verhaltensänderung eingespart werden, sagt Taubert. Durchschnittsverbrauch der jüngsten Überlandfahrt: 4,5 Liter Diesel.