Presseauszüge


Gefühl fürs Gas

Autor: Martin Tschechne (25. Mai 1999)

Verkehr human - eine Berliner Fahrschulinitiative will Vernunft am Steuer vermitteln

Erst mal raus zum Auto. Fröstelnd steht die Gruppe von Fahrschülern an der Straße und wartet auf die Demonstration. Ein Motor tuckert im Leerlauf; am Auspuff des grünen Opel hängt ein schlaffer Gummisack - aber kaum mehr als eine Minute, und er ist prall aufgeblasen. Dem Versuchsleiter reicht er bis unter den ausgestreckten Arm. Der Ballon umspannt jetzt gut zwei Kubikmeter Abgase. "Und was tun wir damit?" fragt Michael Walk, zieht die grellgelbe Riesenblase vom Auspuffrohr und drückt das offene Ende einem verdutzt blickenden jungen Mann in die Hand. "Können Sie das mal entsorgen?"
Was tun mit zwei Kubikmetern Gift und Gestank? Einfach aus dem Ballon zischen lassen? Unmöglich. Andererseits: Eine Minute heiße Luft aus dem Motor - das entspricht etwa der Fahrt von hier bis zur nächsten roten Ampel oder der Wartezeit, bis sie wieder auf Grün springt. Außerdem hat der Wagen einen Katalysator, und selbstverständlich erfüllen seine Abgaswerte die DIN-Normen. Kein Problem also. Oder doch? Immer noch kneift der junge Mann den Gummischlauch zusammen.
"Wir versuchen, den Leuten ein Gefühl für die Kosten des Straßenverkehrs zu geben", sagt Walk. "Das betrifft die Umwelt, aber vor allem die Opfer und die Einschränkungen. Die nehmen wir ja hin, als seien sie gottgegeben." Seit zwei Jahren betreibt der Psychologe gemeinsam mit dem Fahrlehrer Lothar Taubert in Berlin die Akademie Verkehr human. Sie bieten Seminare und Fahrschulausbildung an. Bislang haben rund 250 Fahrschüler bei ihnen den Führerschein gemacht.
Das Unternehmen ist aus einem Projekt der Technischen Universität hervorgegangen. Um Verkehrserziehung ging es da, um Ideen für einen Fahrschulunterricht, der sich nicht auf Hinweise zur Bedienung von Gaspedal und Wagenheber beschränken sollte. Und auch darum, dass zwar Englischlehrer und Sportlehrer Pädagogen sein müssen, Fahrlehrer aber nicht. Doch irgendwann griff der Senat zum Rotstift, und das Projekt war am Ende. Also haben Walk und Taubert sich selbständig gemacht.
"Wir sind keine Fundamentalisten", stellt der Psychologe klar. "Am Ende der Ausbildung steht auch bei uns der Führerschein, und unsere Schüler freuen sich darauf, ein Stück Mobilität zu gewinnen. Wir möchten nur, dass sie dabei auch wissen, was sie tun."
So gehört einiges zum Programm, was auf den ersten Blick seltsam anmuten mag: Zu Fuß mach sich die Schüler in Gruppen auf den Weg durch die Innenstadt und lauschen auf den Lärm; manchmal machen sie die Augen zu und lassen sich über die Straße führen; zur Entspannung kneten sie Tonfiguren und spielen ein Spiel, bei dem fünf Personen schweigend ein Puzzle zusammensetzen - Übungen, die auf das Verhalten im Straßenverkehr zielen. Sprachlos müssen sie sich ja auch als Autofahrer verständigen. Kooperieren, für andere mitdenken - das sollen sie lernen.
"Das wird kinderreichen Hausfrauen gefallen", schrieb der Stern. Das Handelsblatt lobte die Geduld der Fahrlehrer, und die Berliner Morgenpost zitierte Peter Glowalla, den Vorsitzenden des Fahrlehrerverbandes in Berlin: " Das sind kreative Leute", sagte der, "die auf die Sorgen ihrer Schüler eingehen."

H
öchstgeschwindigkeit als einklagbarer Anspruch

Eine Fahrschule also für Hausfrauen, Angsthasen und sonstige Weicheier? Walk winkt ab. "Wir sind uns der Gewalt nicht mehr bewusst, die in einem Auto steckt", sagt er, "obwohl wir doch sonst so auf Schutz und Sicherheit bedacht sind." Jede Baustelle wird abgesperrt, jedes bewegliche Teil einer Maschine zugedeckt, und jeder Betrieb, der Lärm und Gestank verursacht, muss an den Stadtrand ziehen. Aber kein Mensch denkt ernsthaft daran, Autos aus den Wohngebieten zu verbannen, lieber sollen die Kinder zu Hause bleiben. Und kein Mensch zuckt zusammen, wenn ein Fußgänger an der Bordsteinkante steht, und in Armeslänge braust ein Auto mit Tempo 50 vorbei.
Walk erinnert an die Idee der "autogerechten Stadt" aus der Nachkriegszeit. Schwungvolle Schneisen wurden durch die Städte geschlagen, freie Fahrt für freie Bürger; die Bewohner konnten sehen, wo sie bleiben. Damals muß die Fußgängerampel erfunden worden sein, die minutenlang auf Rot bleibt.
Heute bauen wir Fußgängerzonen und Spielstraßen. Aber als der Deutsche Städtetag vor zwei Jahren vorschlug, Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in geschlossenen Ortschaften einzuführen, brach ein Sturm der Entrüstung los. "Die meisten Autofahrer betrachten die zulässige Höchstgeschwindigkeit als einen einklagbaren Anspruch", stellt der Psychologe fest. "Wenn einer darunter bleibt, fangen sie an zu drängeln."
Bloß nicht nervös werden, sagen Walk und Taubert ihren Schülern. Und sich bloß nicht von anderen die Fahrweise diktieren lassen. Du bist du, und der da hinten ist der da hinten.
Natürlich wird auch bei Verkehr human Auto gefahren, nicht weniger als in anderen Fahrschulen (übrigens auch nicht mehr, und die Durchfallquote liegt sogar leicht unter dem Berliner Durchschnitt). Doch niemand drängt hier zu irgend etwas.
"Fahrt nicht schneller, als ihr es verantworten könnt", ermutigt Taubert zur Gelassenheit. Walk sagt: "Wir lehren die Leute, vernünftig mit ihrer Zeit umzugehen." Immer wieder hat er nachgemessen: Der Unterschied zwischen einer rasanten Fahrt durch den Stadtverkehr und einer vernünftigen ist gewaltig - Stress, Lärmbelastung, Schmutz, Gefährdung anderer. Nur der zeitliche Unterschied, der ist minimal.
Also in Ruhe. Gleiten statt rasen. Bei 40 Stundenkilometern schalten die Fahrschüler in den fünften Gang. Ein Bordcomputer zeigt den Benzinverbrauch an. "30 Prozent weniger als bei konventioneller Fahrweise", sagt Taubert und rechnet vor, was sich sparen ließe: für den einzelnen, für den Fuhrpark eines Unternehmens, für die Volkswirtschaft.
"Den Leuten ist das Gefühl für ihre Verantwortung abhanden gekommen", sagt Walk. Der real existierende Straßenverkehr schafft sich seine eigenen Gesetze, er verursacht Kosten, fordert Opfer - und die Rechtsprechung folgt: Mit sieben Jahren gilt ein Kind als bedingt schuldfähig. Wenn ein Siebenjähriger also eine Entfernung oder Geschwindigkeit falsch einschätzt oder im Eifer des Spiels auf die Straße rennt, kann er im Sinn der Paragraphen selbst schuld an seinem Tod sein.
"Es ist merkwürdig", sagt Walk, "da kommt heute ein Journalist und berichtet über unsere Arbeit - meist wohlwollend, bisweilen vielleicht ein bisschen ironisch, wir sind ja für viele ein Kuriosum - und drei Tage später lese ich den Namen unter einem Testbericht über den neuen GXL, dem es leider ein wenig an Durchzugskraft fehlt."