Presseauszüge
Das offizielle Mitteilungsblatt des Verkehrsclubs Deutschland VCD
Autor: Steen Lorenzen
Lernen im Leerlauf
Umwelt schonen, Kraftstoff sparen,
gelassen fahren - eine Berliner Fahrschule befähigt Schüler, ohne
Anpassungsdruck an die übliche Geschwindigkeit und Aggression in den
Autoverkehr einzusteigen.
Etwa 100 Meter noch bis zur nächsten Kreuzung. Bei Tempo 40 rollen wir im
Leerlauf leise der Ampel entgegen, um an der Haltelinie bei abgestelltem Motor
auf die nächste Grünphase zu warten. Lothar Tauberts Blick schweift hinüber zur
Busfahrerin auf der Abbiegespur neben uns: "Frag' doch mal, wie es ihr
heute geht", fordert er mich auf, und ich drehe etwas verdutzt an der
Fensterkurbel. Nicht, dass er die Busfahrerin kennen würde, "aber die kann
vielleicht Aufmunterung gebrauchen."
Auf hundert Metern hat man als
Beifahrer des Fahrlehrers und Verkehrspädagogen gleich dreierlei gelernt,
nämlich die Anwendung von zwei wesentlichen Elementen einer umweltschonenden
Fahrweise und einen ersten Schritt Richtung sozial kompetentes
Mobilitätsverhalten.
Das klingt nicht ohne Grund
nach wissenschaftlichem Überbau. Denn was Lothar Taubert seinen Fahrschülern
beibringt, fußt auf langjährigen Erfahrungen, die er nicht nur als Fahrlehrer
aller Klassen, Nachschulmoderator, Kursleiterausbilder, sondern auch an der
Technischen Universität in Berlin gesammelt hat. Ein Kernbereich der
alternativen Fahrausbildung ist die Minimierung des Ressourcenverbrauchs beim
Autofahren. Das geht so: Eine Minute Leerlauf verbraucht doppelt so viel
Kraftstoff wie eine Minute ständigen Anlassens und Abschaltens. Deshalb: Motor
im Stand immer abschalten! Beim Anfahren geht's sofort in den zweiten Gang und
dann jeweils in den nächsten knapp oberhalb der Leerlaufdrehzahl. Schließlich
wird vor absehbaren Stopps ausgekuppelt, der Schwung zum Ausrollen genutzt. Wer
so fährt, kann zwischen 20 und 30 Prozent des Spritverbrauchs einsparen.
Doch Taubert geht es nicht nur
um eine umweltschonende Fahrtechnik. Die Schüler sollen möglichst sinnlich
erfahren, wie Verkehr insgesamt funktioniert, welche Mobilitätswerte den
Straßenalltag dominieren und vor allem ihr eigenes Verhalten reflektieren.
Ein Beispiel: Bei
vorgeschriebenen Überlandfahrten fährt eine Gruppe von Fahrschülern mit dem
Auto, eine andere gleichzeitig mit dem Wochenendticket der Bahn nach Güstrow
oder Rostock. Auf dem Rückweg tauschen die Gruppen. Automatisch vergleichen die
Schüler nicht nur die unterschiedlichen Schnelligkeiten, sondern auch die
beiden Erlebniswelten miteinander.
Theorie und Praxis animieren
immer wieder zum Perspektivenwechsel. Wer in der Lage ist, während des
Autofahrens die Sichtweisen von Fußgängern und Radfahrern mitzudenken, für die
oder den ist die Geschwindigkeitsmaxime auf unseren Straßen nicht mehr
selbstverständlich.
Stehen die sogenannten
schwachen Verkehrsteilnehmer auf dem Plan, dann organisiert die Fahrschule ein
Gespräch mit Schulanfängern, bei dem die Erstklässler von rücksichtsvollen
"Traumautofahrern" erzählen.
Die Arbeitsstelle an der
Technischen Universität wurde Opfer des Berliner Sparetats. Für Taubert der
richtige Moment, sich in diesem Frühjahr mit einer Kombination aus Fahrschule
und Akademie selbständig zu machen: "Verkehr human" bietet neben dem
Fahrschulbetrieb auch Trainingskurse für alle Autofahrer, spezielle
Fortbildungskurse für Fahrlehrer sowie Weiterbildungen für Eltern, Erzieher und
Lehrer an.
"Eltern haften für ihre
Kinder - auch beim Verkehrsverhalten. Wer als Kind immer mit dem Auto überall
hingebracht wird, entwickelt auch Autogewohnheiten", beschreibt Psychologe
und Verkehrswissenschaftler Michael Walk, der ebenfalls vom Uni-Projekt zur
Akademie wechselte, einen "gesellschaftlichen Prozess, der uns noch immer
nicht wirklich bewusst ist".
Auch für Unternehmen mit
großen Fuhrparks würde sich eine Fortbildung der Mitarbeiter auszahlen.
"Nehmen wir an, ein großer Betrieb verbraucht 42 Millionen Liter
Kraftstoff im Jahr für seinen Fuhrpark. Wenn die ein Viertel weniger
verbrauchen, sind das 10 Millionen Liter. 16 Millionen Mark, darüber darf man
schon mal nachdenken", räsoniert Taubert und fügt hinzu, daß obendrein noch
Punkte für das Öko-Image zu gewinnen wären.
Die entscheidenden Impulse für
Verhaltensänderungen im Verkehr versprechen sich Taubert und Walk aber vor
allem von einer Verzahnung der Fahrschulausbildung mit Arbeitsgruppen zum Thema
Verkehr an Haupt-, Realschulen und Gymnasien. In den letzten zwei Jahren des
Uni-Projektes hat es diesen Austausch gegeben.
Walk hat einige Zeit nach
erfolgreicher Fahrprüfung Schüler interviewt und feststellen müssen, dass die
große Mehrheit heute anders fährt, als sie es bei Taubert & Co gelernt hat.
Vieles bleibt dennoch hängen. "Die fahren auch mal schneller", sagt
Walk, "aber das passiert nicht unreflektiert, die sind es gewohnt über ihr
Verhalten im Auto nachzudenken". Apropos Verkehrsverhalten: Die gegrüßte
Busfahrerin hat uns nicht beachtet. Die neue Freundlichkeit im Straßenverkehr
will erst einmal gelernt sein.








