Presseauszüge



Regionalteil des Verkehrsclubs Deutschland VCD

Die Entdeckung der Langsamkeit - mit oder ohne Auto

Fahrausbildung mit neuen Konzepten

Bekanntlich ist der gefährlichste Teil am Auto der Mensch, der es fährt, und daher ist verwunderlich, daß nicht mehr Anstrengungen unternommen werden, an dieser Stelle die Sicherheit zu erhöhen anstatt durch Entwicklung ausgefeilter technischer Sicherheitssysteme. Sich in dem komplexen Verkehrssystem zurechtzufinden und adäquat zu reagieren, dazu gehört eben mehr als Pedale bedienen, rückwärts einparken und Verkehrsschilder erkennen zu können.
Für eine kleine Gruppe von Schülern des Gustav-Heinemann-Gymnasiums in Berlin-Steglitz wird die Führerschein-Ausbildung ein ganzes Schuljahr lang durch eine schulische Arbeitsgemeinschaft begleitet. Bevor sie sich zum ersten Mal ans Steuer setzen, haben sie mehrere Stunden am Fahrsimulator geübt, sich viel mit Dingen beschäftigt, die sonst wohl kaum zur Führerschein-Ausbildung gehören:

  • einen Hörspaziergang im Freien gemacht, bei dem man sich ganz bewußt auf die Geräusche konzentriert,
  • verschiedene Verkehrsmittel für den gleichen Weg erprobt, und zwar nicht nur Fahrrad, Auto und ÖPNV innerhalb der Stadt, sondern auch für längere Strecken (z.B. nach Rostock je einen Weg mit dem Auto und der Bahn),
  • sich mit Kindern aus Vorschule und Grundschule getroffen, um deren Sicht des Straßenverkehrs nachvollziehen zu können.

Vor allem aber werden Möglichkeiten erarbeitet und trainiert, auch in Streßsituationen nicht auszuflippen. Andere psychologische Prozesse rund ums Auto gehören wie selbstverständlich zur theoretischen und praktischen Ausbildung. Intensive Auseinandersetzung mit dem Faktor Zeit steht dabei im Mittelpunkt, können doch die Schüler bereits während ihrer Führerscheinausbildung entdecken, daß schneller nicht unbedingt besser bedeutet. Auch bei den praktischen Fahrübungen werden einige heilige Kühe geschlachtet, z.B. dürfen Freunde und Eltern mit im Auto sitzen. Überhaupt scheint nach Einschätzung von Fahrlehrer Lothar Taubert eines der Hauptprobleme für die Autofahrer in spe zu sein, ihre ökologische und betont gelassene Fahrweise vor Familienmitgliedern und Freunden überzeugend zu vertreten. (Wer erinnert sich nicht an Vaters gut gemeinte „Ratschläge" bei den ersten Fahrversuchen im Familienauto!)

Benzinsparende Fahrweise ohne Hektik, intelligente d.h. bewußte Wahl des Verkehrsmittels, kurz: umweltverträgliche Handhabung des Autos sind Hauptziele dieser Fahrausbildung. Keiner der Beteiligten betrachtet das primär unter moralischen Aspekt, sondern es wird einfach als die vernünftige Lösung erfahren, die den Geldbeutel die eigenen Nerven und die der anderen schont

Erfahrungsberichte einzelner TeilnehmerInnen

Benjamin: "Wir erlernen in unserer Ausbildung den Umgang mit dem Automobil für das nächste Jahrtausend. Hierbei stellt das Aneignen von Kompetenzen zum Steuern eines Fahrzeugs lediglich einen Teilaspekt dar. Daneben gibt es viele weitere Themen. Wenn es beispielsweise um den sinnvollen und bewussten Einsatz von Verkehrsmitteln geht, so beinhaltet das auch, eine gelassene und weniger hektische Fahrweise zu erlernen, bei der auf Mensch und Umwelt Rücksicht genommen wird."

Katja: "Beeindruckt hat mich die gelassene Art, mit der uns die Fahrausbildung übermittelt wird. So kann ich zwar nicht mit den "Zeitrekorden" meiner Freunde mithalten, habe aber ein wesentlich sichereres bezüglich meines Fahrkönnens, da man das erlernte Wissen über längere Zeiträume viel besser verarbeiten und damit verinnerlichen kann. Zugespitzt gesagt, wäre ich fast aus meiner Familie ausgestoßen worden, als die Diskussion mal auf das heikle Thema "andere Fahrweise" kam; das höchste Ziel, das wir uns setzen können, ist wohl leider nur Toleranz. Und darum müssen wir schon hart kämpfen."

Deborah: "Ich finde, dass man auf das Auto nicht verzichten kann bzw. auch nicht will. Aus diesem Grund ist es gut, bei einer Fahrschule zu lernen, bei der man durch die Fahrweise Kraftstoff sparen kann, was umweltschonender ist und vor allem finanzielle Entlastung bedeutet."