Presseauszüge

Lizenz zum Rollen

Die Kreuzberger Fahrschule Verkehr human möchte  aus Verkehrsteilnehmern Menschen machen

Wir rollen im ersten Gang durch eine verkehrsberuhigte Zone. An der Kreuzung steht ein Dutzend Erstklässler samt Lehrerin, die den Kinder erklärt, wie man sich im Verkehr zu verhalten hat: schön gucken, links und rechts und noch mal links, und warten, bis die Autos vorbeigefahren sind. Die Kinder gucken schön, links und rechts und noch mal links, und warten darauf, dass wir vorbeifahren. Aber wir fahren nicht vorbei. Der Motor ist abgeschaltet. Nach einer Weile überqueren die Kinder die Straße, irritiert, etwas ängstlich und vielleicht liegt in dem Blick, den die Lehrerin uns zuwirft, ein kleiner Vorwurf. Wie soll sie den Kids die Tücken der Straße beibringen, wenn die Autofahrer sich so rücksichtslos rücksichtsvoll benehmen?

"Wir haben die Fußgänger regelrecht dressiert", schimpft Lothar Taubert, Fahrlehrer von Verkehr human - Akademie für Kommunikation, Mobilität und Umwelt. Während wir uns gemächlich an eine grüne Ampel anschleichen ("Die springt sowieso gleich um"), erläutert er den Ansatz des humanen - und ökologischen - Fahrens: "Es kommt nicht darauf an, das Auto zu beherrschen. Wir müssen lernen, uns selbst zu beherrschen und dem Anpassungsdruck zu widerstehen, der auf der Straße herrscht. Und wir müssen lernen, mit Zeit und Geschwindigkeit umzugehen." Das Auto, so lautet die Botschaft, wird erst dann zur Höllenmaschine, wenn ein Teufel am Steuer sitzt, und zu Teufeln wird man schon erzogen, wenn man das Tempolimit als Optimalgeschwindigkeit auslegt, Gelb als Dunkelgrün versteht oder etwa dem Nebel die Schuld an Massenkarambolagen mit Todesopfern gibt.

Seit anderthalb Jahren arbeitet Verkehr human als selbständiger Betrieb in der Kreuzberger Fichtestraße an der "Menschwerdung des Verkehrsteilnehmers", wie es der Psychologe und Verkehrswissenschaftler Michael Walk nennt. Die Basisarbeit der Akademie wird in der Fahrschule geleistet, und da gibt es immer wieder überraschte Gesichter, wenn der Lehrer den Schülern im Theorieunterricht nicht nur "Rechts vor Links" einbleut, sondern auch "Hörspaziergänge" durch Kreuzberg anbietet oder die Kursteilnehmer zum Thema Gelassenheit Ton kneten lässt. "Gegangen ist deshalb noch niemand", meint Taubert achselzuckend.

Und wie fährt man nun human, gelassen und umweltschonend, wenn man schon verdorben, aber gutwillig ist?

Also, Trockenkurs in Kürze:

1. frühzeitig losfahren und zügig hochschalten (möglichst nie über 2000 U/min)

2. vorausschauend fahren und den hupenden und gestressten Hintermann ruhig hupen und pupen lassen, ist ja schließlich sein Stress

3. in jedem Stand den Motor aus (bei einer Minute Leerlauf doppelt so hoher Benzinverbrauch als bei einer Minute dauernden An- und Abschaltens)

4. wenn's geht, Auto stehen lassen, denn cool kids can ja bekanntlich wait.

Und dann mal sehen, ob es ein richtiges Fahren im falschen geben kann.